„Also, meine Lieben – wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht nur in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit – schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist es, der in euch wirkt, sowohl das Wollen als auch das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen.
Tut alles ohne Murren und ohne Zweifel, damit ihr untadelig und lauter seid, Gottes Kinder ohne Makel mitten unter einem verdorbenen und verkehrten Geschlecht, unter dem ihr scheint als Lichter in der Welt, indem ihr festhaltet am Wort des Lebens, mir zum Ruhm am Tag Christi, sodass ich nicht vergeblich gelaufen bin noch vergeblich gearbeitet habe. Und wenn ich auch geopfert werde beim Opfer und Dienst eures Glaubens, so freue ich mich und freue mich mit euch allen. Ebenso sollt auch ihr euch freuen und euch mit mir freuen.“ (Phil. 2,12–18)
Als Paulus diese Zeilen schreibt, befindet er sich am Ende seiner dritten Missionsreise in Gefangenschaft. In Jerusalem wurde er verhaftet, sein Prozess verschleppt, und schließlich verbrachte er mehrere Jahre in Gefangenschaft – zuletzt in Rom. Trotz dieser Umstände bestand eine enge und herzliche Beziehung zur Gemeinde in Philippi. Sie unterstützte ihn finanziell und sandte ihm den Glaubensbruder Epaphroditus (Phil. 2,25). Durch ihn erfuhr Paulus, dass die Gemeinde im Glauben gehorsam geblieben war – obwohl er selbst schon viele Jahre nicht mehr bei ihnen gewesen war.
Darum ermutigt Paulus die Christen, auf diesem Weg weiterzugehen: „Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.“ Diese Aussage kann zunächst verwundern. Wie passt sie zu dem, was Paulus an anderer Stelle über die Seligkeit lehrt? Im Römerbrief schreibt er klar: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ (Röm. 3,28).
Als Christen wissen wir: Wir können uns die Seligkeit nicht verdienen. Was meint Paulus also?
Die Antwort folgt direkt im nächsten Vers: „Denn Gott ist es, der in euch wirkt, sowohl das Wollen als auch das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen“ (V. 13). Ohne diesen Satz lässt sich der vorherige kaum richtig verstehen. Paulus spricht von unserem Leben, unserem Handeln und unserem Wandel als Christen. Gleichzeitig offenbart er ein tiefes Geheimnis: Gott selbst ist es, der in uns wirkt. Er ist es, der sowohl das Wollen als auch das Vollbringen in uns hervorbringt – sei es im Dienst in der Gemeinde, im Helfen für andere oder im sanften Zurechtweisen.
Weil Gott selbst in uns wirkt, sollen wir auch mit Furcht und Zittern handeln. Denn es ist der Höchste, der in uns am Werk ist. Wie sehr wir ihn dabei brauchen, zeigt der folgende Aufruf: „Tut alles ohne Murren und ohne Zweifel“ (V. 14).
Das fällt uns nicht immer leicht. Oft gleichen wir kleinen Kindern, die ihre Aufgaben nur widerwillig erfüllen. Murren und Zweifel sind Ausdruck eines kleingläubigen Herzens. Wer über Gottes Willen murrt, versündigt sich ebenso wie derjenige, der an seinem Wort zweifelt.
Und doch erinnert uns Paulus daran: Wir sind Gottes Kinder – auch wenn wir gemurrt oder gezweifelt haben. Gott ist gnädig. Er spricht uns das Leben aus Gnade zu, obwohl wir es nicht verdient haben. Darum gilt der Aufruf: „Tut alles ohne Murren und ohne Zweifel, damit ihr untadelig und lauter seid, Gottes Kinder ohne Makel mitten unter einem verdorbenen und verkehrten Geschlecht.“
Untadelig und lauter sind wir nicht, weil wir niemals versagt hätten, sondern weil Gott uns vergeben hat. Das ist der entscheidende Unterschied. Er hat uns zu seinen Kindern erwählt – nicht weil wir besser gewesen wären, sondern aus Gnade. Von Natur aus waren wir ebenso verdorben wie alle anderen. Doch durch Jesus Christus hat Gott unsere Schuld abgewaschen. Darum gelten wir vor ihm als ohne Makel.
Und nun sollen wir – mit seiner Hilfe – so leben, dass wir „als Lichter in der Welt“ scheinen, indem wir am Wort des Lebens festhalten (V. 15–16). Hier wird deutlich: Die Worte des Paulus spiegeln das wider, was auch Christus selbst gesagt hat. Jesus bezeichnet sich als das Licht der Welt – und zugleich sagt er: „Ihr seid das Licht der Welt.“ Unser Leben soll dieses Licht widerspiegeln. Christen sind wie Reflektoren der Liebe Gottes. Wie die Sonne an einem hellen Frühlingstag ihr Licht ausstrahlt, so soll Gottes Liebe durch uns sichtbar werden.
Wo dieses Licht auf offene Herzen trifft, wird es weitergegeben. So dürfen wir zu Lichtträgern in einer dunklen Welt werden. Gottes Liebe wirkt in uns und führt dazu, dass wir am Wort des Lebens festhalten. Unser größter Trost ist, dass Gott uns erwählt hat und wir für immer mit ihm leben werden. Darum kann Paulus sagen, dass die Gläubigen in Philippi sein Ruhm am Tag Christi sein werden. Gleichzeitig rechnet er damit, sein Leben zu verlieren: „Und wenn ich auch geopfert werde beim Opfer und Dienst eures Glaubens …“
Paulus deutet an, dass er möglicherweise als Märtyrer sterben wird. Sein Leben versteht er als Opfer für Gott – verbunden mit dem Dienst der Gemeinde. Auch die Christen in Philippi bringen ein Opfer dar: ihr Leben im Gehorsam gegenüber Christus. Nicht jeder stirbt als Märtyrer, aber ein Leben im Glauben ist ebenfalls ein Gott wohlgefälliges Opfer. Dabei dürfen wir nie vergessen: Gott selbst ist es, der dieses Wollen und Vollbringen in uns bewirkt. Er ist es, der uns befähigt, unser Leben ihm hinzugeben. Am Ende kehrt Paulus zum zentralen Thema seines Briefes zurück: zur Freude.
„Darüber sollt ihr euch auch freuen und euch mit mir freuen.“
Trotz Gefangenschaft freut sich Paulus. Er freut sich über den Glauben der Gemeinde und darüber, dass Gott in ihnen wirkt. Und das gilt auch für uns. Deshalb dürfen auch wir uns freuen – selbst dann, wenn die äußeren Umstände schwierig sind. Der Grund unserer Freude liegt nicht in dieser Welt, sondern in Jesus Christus, dem wir unser Leben anvertraut haben und dem wir mit Freude dienen.
Helmut Germann
12.04.26