Die Lebenskunst der Freude

Wann hast du dich das letzte Mal so richtig gefreut? Vielleicht bei einem guten Essen in geselliger Runde mit Freunden, über einen Erfolg bei der Arbeit, über schöne Stunden mit Kindern und Enkelkindern oder bei deiner Lieblingsbeschäftigung. Vielleicht auch, als dich jemand gelobt, ermutigt oder getröstet hat; als jemand sagte: „Ich helfe dir“ oder „Ich mag dich“.

Sicher erinnert sich jeder an solche Augenblicke, in denen tiefe Freude das Herz durchströmt und wir empfinden, dass Gott und das Leben es gut mit uns meinen.

Gerade solche Momente der Lebensfreude machen unser Leben lebenswert. Diese Freude schenkt uns Mut und Zuversicht für die Zukunft. Die Wolken negativer Umstände verziehen sich, die Sonne scheint wieder, und der Horizont wird klarer. Jeder weiß, dass sich solche Freude nicht einfach herstellen lässt. Sie kommt wie ein lieber Gast, dessen Besuch man gerne in Erinnerung behält.

„Also, meine lieben Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und meine Krone, steht fest im Herrn, ihr Lieben …“ (Phil. 4,1–9) Jesus möchte, dass wir uns freuen. In Johannes 15,11 sagt Er zu seinen Jüngern: „Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.“

Und Paulus ruft uns zu: „Freuet euch in dem Herrn allezeit, und abermals sage ich: Freuet euch!“ An anderer Stelle schreibt er: „Freut euch allezeit … denn das ist Gottes Wille in Christus Jesus für euch.“ (1. Thess. 5,16–18) Freude ist ein großes Thema unseres Lebens – und auch ein großes Thema der Bibel. Im Philipperbrief wird sie vierzehnmal erwähnt. Gott will unsere Freude.

Es gibt unterschiedliche Arten von Freude: die Freude auf etwas, die Freude an etwas und die Freude im Herrn – eine Freude, die aus der Quelle selbst lebt, aus Gottes ewiger Freude. Der Volksmund sagt: „Vorfreude ist die schönste Freude.“ Doch aus zwei Gründen ist das eigentlich eine traurige Aussage. Denn wenn erfüllte Freude nur vergangene Freude ist, dann liegt das Schönste bereits hinter uns. Der Reiz des Neuen verfliegt schnell.

Jemand freut sich auf ein neues Auto, ein neues Haus, eine bestandene Prüfung oder den nächsten Karriereschritt. Doch die Vorfreude hält nur so lange an, bis das Ersehnte erreicht ist. Danach beginnt die Suche nach etwas Neuem, worauf man sich wieder freuen kann. Erfüllte Freude wird zur vergangenen Freude und schwimmt im Strom der Zeit davon.

Oft ist gerade das Vergnügen selbst das größte Hindernis für tiefere Freude. Genuss und Vergnügen verlangen nach immer mehr. Die Industrie schafft durch Werbung ständig neue Bedürfnisse, denn sie lassen sich berechnen – und sie rechnen sich. In gewisser Weise lebt unser Wirtschaftssystem von der Unersättlichkeit menschlicher Wünsche, deren Erfüllung nur kurze Freude verspricht.

Und dennoch hat die Vorfreude ihren berechtigten Platz. Es ist schön, sich auf etwas zu freuen. Aber sie ist nicht die schönste Freude. Auch Paulus freut sich bereits im Voraus darauf, bei Jesus in der Herrlichkeit zu sein: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre.“ Und er sagt: „Freut euch! Der Herr ist nahe!“ Das ist Vorfreude auf die Ewigkeit, auf die Herrlichkeit bei Jesus.

Kluge Menschen haben schon lange erkannt, dass die Erfüllung der Freude nicht in einer ungewissen Zukunft gesucht werden sollte, sondern in der Gegenwart. Wer sich nicht am Spatzen in der Hand freuen kann, verdient die Taube auf dem Dach nicht. Leben kann ich nur jetzt – in diesem Augenblick. Die Vergangenheit lebt nur noch in meiner Erinnerung, und die Zukunft existiert zunächst nur in meiner Vorstellung.

Diese Vorstellung kann positiv sein – als Vorfreude – oder negativ – als Sorge. Unsere Sorgen sollen wir vor Gott bringen. Denn Sorge nimmt eine Zukunft vorweg, die uns gar nicht gehört; die Zukunft gehört Gott. Wenn ich sie Ihm übergebe, dann kann Sein Friede mein Herz und meine Gedanken bewahren.

Jesus sagt: „Sorgt euch nicht um den morgigen Tag; denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“ (Mt. 6,34) Nur heute, nur jetzt kann ich wirklich leben. „Da merkte ich, dass es nichts Besseres gibt, als fröhlich zu sein und sich gütlich zu tun in seinem Leben … denn das ist eine Gabe Gottes.“ (Pred. 3,12–13)

Auch das Neue Testament sagt uns, dass Gott uns alles reichlich darbietet, damit wir es genießen dürfen (1. Tim. 6,17). Der christliche Glaube ist keine weltfremde oder genussfeindliche Angelegenheit. Gott als Schöpfer schenkt uns seine Gaben, und wir dürfen sie genießen – allerdings nicht nur für uns selbst und nicht so, dass wir darüber den Geber vergessen.

Auch ist der Glaube nicht leibfeindlich. Im Gegenteil – das sehen wir sogar im Hohelied. Was war das erste Wunder Jesu? Als Er mit seinen Jüngern auf einer Hochzeit war, ging der Wein aus. Um dem Brautpaar eine peinliche Situation zu ersparen, machte Er aus Wasser den besten Wein.

Jesus tut diesem jungen Paar Gutes. Er freut sich mit ihnen und möchte, dass sie diesen besonderen Tag genießen können. Wann hast du dir selbst das letzte Mal etwas Gutes getan? Wir sollten uns und anderen öfter Gutes tun. Das Leben auf dieser Erde ist zu kurz, um es nicht zur Freude Gottes zu genießen. Und wenn wir anderen Gutes tun, schenken wir auch uns selbst Freude.

„Eure Güte lasst kund sein allen Menschen.“ (Phil. 4,5) Lass Menschen deine Freundlichkeit spüren, und du wirst erleben, dass die Freude, die du anderen schenkst, zu dir zurückkehrt. Wir Christen sind dazu berufen, einander Freude zu schenken. Deshalb sagt Paulus nicht: „Freue dich“, sondern: „Freut euch!“ – in der Mehrzahl. Die ganze Gemeinde ist angesprochen.

Wirklich freuen kann ich mich nur dann, wenn ich nicht ständig Angst habe, den Gegenstand meiner Freude wieder zu verlieren. Solange mich die Sorge beherrscht, dass selbst das Liebste und Schönste vergänglich ist und mir genommen werden könnte, werde ich es nicht wirklich genießen können.

Der Besitzer eines teuren Luxusautos, das aus Angst vor einem Kratzer nur in der Garage steht, lebt in Sorge. Ebenso überbehütende Eltern, die ihr Kind mit ihrer Liebe einengen und dadurch zur Unselbstständigkeit erziehen. Oder eine Nachfolge Jesu, die aus einem falschen Sicherheitsdenken heraus nichts mehr wagt – auch das sind Zeichen von Angst.

Wer ständig klammert, festhält und nicht loslassen kann, verliert am Ende oft gerade das, was er bewahren wollte. Wenn ich loslassen kann, bin ich frei, den Augenblick als das zu genießen, was er ist – ein Geschenk Gottes. Ein Augenblick, den ich nicht mit der Erwartung der Ewigkeit überladen muss. Freue dich an den Blumen am Wegesrand und denke dabei an den Schöpfer. Anders ausgedrückt: „Ich erbat alles, um mich des Lebens zu erfreuen. Ich erhielt das Leben, um mich an allem zu erfreuen.“

Weder die Vorfreude noch die Freude über gegenwärtige Dinge können die tiefe Sehnsucht unseres Herzens vollkommen stillen. Denn Gott hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt. Die Freude im Herrn ist die höchste Freude: „Freuet euch in dem Herrn allezeit, und abermals sage ich: Freuet euch!“ Paulus führt uns hier zum Ursprung, zur Quelle aller Freude.

Sich „im Herrn“ zu freuen, klingt zunächst etwas abstrakt und vielleicht schwer verständlich. Man kann sich am Herrn freuen, auf Sein Kommen oder auf die Gemeinschaft mit Ihm. Aber was bedeutet es, sich „im Herrn“ zu freuen? Stell dir vor, Gott freut sich an dir so, wie Er sich an Jesus freut. Ein Christ ist ein Mensch, der in Christus ist. Und wenn du in Christus bist, dann schaut dich der ewige Gott mit derselben Liebe und Freude an. Seine Freude ist ungetrübt, unvergänglich und vollkommen. Diese Freude aus der Ewigkeit spiegelt sich in unseren Gesichtern wider.

Wenn man ein Baby oder ein kleines Kind anlächelt, lächelt es oft zurück. Die Freude im Herrn ist ähnlich – sie ist ein Reflex auf Gottes Liebe. Gott blickt uns freundlich an; Er lässt Sein Angesicht über uns leuchten. Wahre Freude entsteht aus der Gemeinschaft mit Gott. Sie ist wie ein Tautropfen aus der Ewigkeit, der uns erfrischt und neu aufblühen lässt. Sie ist wie der Morgenglanz der Ewigkeit, dessen Strahlen unsere Nacht vertreiben.

Es ist eine Freude, die aus einer anderen Welt kommt – aus Gottes Welt. Deshalb kann nichts in dieser Welt sie endgültig zerstören. Sie kann verdeckt werden, verdunkelt oder vergessen erscheinen. Die Quelle mag verschüttet sein – aber sie ist noch da. Und gerade im Leid kann sie entdeckt werden. Deshalb konnte Paulus den Brief der Freude schreiben, obwohl er im Gefängnis saß. Obwohl die Gemeinde von inneren und äußeren Feinden bedroht war. Obwohl falsche Brüder seine Lage ausnutzten, obwohl er Mangel litt und sogar mit seinem möglichen Tod rechnen musste.

Freude im Leid – das klingt zunächst widersprüchlich. Und doch ist es die Erfahrung vieler Christen, die um ihres Glaubens willen Verfolgung erleben. Paulus sagt den Christen in Philippi: „Denn euch ist es gegeben um Christi willen, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch um seinetwillen zu leiden.“ (Phil. 1,29)

Auch Christen, die schwere Krankheiten oder große körperliche Not erleben, kennen diese Erfahrung: Trotz aller Schmerzen bleibt die Gewissheit bestehen: Jesus ist da. Er ist bei mir. Und Er bringt mich ans Ziel. Es ist eine Freude, die nicht von äußeren Umständen abhängig ist. Eine Freude, die auch durch viele Tränen nicht ausgelöscht werden kann – obwohl sie oft gerade durch Tränen hindurch geboren wird.

Große Männer und Frauen des Glaubens sind häufig durch tiefes Leid und schwere Anfechtungen gegangen. Diesen scheinbaren Gegensatz zwischen Freude und Leid fasst der Jakobusbrief so zusammen: „Erachtet es als lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtung fallt.“ (Jak. 1,2)

Einer dieser Menschen war Franz von Assisi. Für ihn war die Freude ein zentrales Thema seines Glaubenslebens. Er sagte zu seinen Brüdern: „Das ist der große Triumph des Teufels, wenn er uns die Fröhlichkeit des Geistes rauben kann.“ Er verglich es mit einem feinen Staub, der sich auf die Seele legt und ihren Glanz trübt. Die Freude Gottes dagegen macht dieses Gift wirkungslos.

Wenn sich Traurigkeit festsetzt und keinen Weg mehr findet, kann sie den Menschen innerlich aufreiben. Tränen aber können reinigen und lösen. Auch Tränen der Buße gehören dazu. Sie lösen nicht nur Freude im Himmel aus. „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“

Und so können wir am Ende mit dem Psalmisten sagen:

„Dennoch bleibe ich stets an dir … Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil … Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht auf Gott, den Herrn, setze.“

Denn die tiefste Freude liegt nicht in Umständen, Dingen oder Menschen – sondern in der Gemeinschaft mit Gott selbst.

Helmut Germann
10.05.2026